Eltern sein
07. Mai 2024
·
6 Minuten Lesezeit

Regretting Motherhood – wenn Mütter bereuen

Geschrieben von:
Elternseite Team
Elternseite Team
Artikelinfo:

Haben Sie schon von "Regretting motherhood“, auf Deutsch „bereuende Mutterschaft“, gehört? Die Thematik ist vor allem durch  die Studie von Orna Donath 2015, einer israelischen Soziologin, aufgekommen und viel diskutiert worden. Erfahren Sie hier mehr und lesen Einblicke und Gedankenanstöße.

Die vorherrschende Sichtweise in unserer Gesellschaft und in den meisten Kulturen ist es, dass Frauen es bereuen werden, wenn sie keine Kinder bekommen. Damit entwickeln sich zum Teil große Erwartungshaltungen an die Mutterschaft sowohl in der Gesellschaft als auch bei den Frauen selbst. Es zu bereuen, keine Kinder bekommen zu haben und damit seinen Lebenszweck nicht zu erfüllen, gilt als so gut wie gegeben. Es dahingegen zu bereuen, Mutter geworden zu sein ist quasi undenkbar, wenn das Kind erstmal da ist. Dies kann zu einem Spannungsfeld führen, dass zu starken Scham -und Schuldgefühlen führt.

 

Kinder zu bekommen, kann ein wunderbares Geschenk sein, das allerdings mit vielen Herausforderungen und auch starken, teilweise unvorhersehbaren, Veränderungen im Leben einhergehen kann. Manche Mütter bereuen dann, sich auf das Leben als Elternteil eingelassen zu haben. Dabei geht es nicht darum, dass man seine Kinder nicht liebt, sondern darum, dass man sich in seiner Elternrolle nicht wohl fühlt und das Leben gerne unter anderen Rahmenbedingungen gelebt hätte. Beispielsweise leidet das mentale Wohlbefinden darunter, dass man wenig Zeit hat, uneingeschränkt arbeiten zu gehen und möglicherweise in der persönlichen Erfüllung zu kurz kommt. Die Betroffenen befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen widersprüchlichen und unerreichbaren Mutterschaftsidealen. Und zwar zwischen dem sozialen Ideal der stets umfänglichen Hinwendung der Mutter zum Kind und der erwerbstätigen Eigenständigkeit, die zu persönlicher Verwirklichung führen soll.

An dieser Stelle ist es jedoch wichtig festzuhalten, dass es sich bei diesem Thema um die Verbindung zwischen den Konzepten Mutterschaft und Reue, so wie es sie in anderen Bereichen des Lebens auch gibt, handelt. Es geht um eine länger anhaltende Einstellung und nicht um eine momentane Unmutsäußerung.

Wenn Mütter ihre Mutterschaft in diesem Sinne bereuen, würden sie sich gegen das Kinder-bekommen entschließen, wenn sie nochmal die Wahl hätten.

Momentane Überforderungen gelten in der Elternschaft eher als normal und werden von der Gesellschaft mehr akzeptiert, wohingegen der stabile Zusammenhang zwischen Mutterschaft und Reue ein großes Tabuthema darstellt.

 

Es gilt, dieses aufzubrechen, um Entlastung geben zu können.

Es sind vor allem unrealistische Rollenanforderungen an die Frau, wie zum Beispiel gleichzeitig liebevolle Mutter, erfolgreiche Karriere- und Hausfrau zu sein, die dazu führen können, dass sich Mütter in ihrer Rolle überfordert fühlen. Teilweise kann es von Beginn an die soziale und gesellschaftliche Erwartungshaltung an die Mutterschaft sein – dass sich Frauen dadurch erst verwirklichen –, die bei der Familienplanung eine große Rolle spielt. Von Frauen wird oft ein Kinderwunsch schlichtweg erwartet. Dazu kann auch kommen, dass durch das Umfeld komplett unrealistische Erwartungen gehegt werden, die bei den neuen Eltern zu einem Realitätsschock führen.

 

Beispielsweise kann es vorkommen, dass ein Bild einer stets ausgeglichenen und energiegeladenen Familie gezeichnet wird, in der sich beide Eltern und das Umfeld gegenseitig unterstützen, sodass beide nebenbei noch Karriere machen können. Dies wird dann auch teilweise nicht als Option dargestellt, sondern als Erwartung an die Mutter herangetragen, die dann zusätzlich noch den Druck verspürt, nach außen hin den Schein des Glücks und der Dankbarkeit aufrechterhalten zu müssen.

Frau hält Kopf gerade über Wasser

Um das kontrovers diskutierte Thema richtig abzubilden, ist es wichtig, zu verstehen, dass regretting motherhood nicht nur von schwierigen Umständen abhängen muss. Dies ist zwar oft der Grund, aber keinesfalls der einzige. Manchen Müttern in Donaths (2015) Studie beispielsweise ging es weder darum, Karriere zu machen, noch darum, dass sie sich vom Umfeld nicht genug unterstützt fühlten. Sie bereuen es ganz einfach, ein oder mehrere Kinder bekommen zu haben. Das soll nicht totgeschwiegen werden müssen.

welche gründe stecken hinter dem bereuen?

Mütter können sich durch die aufgezwungenen Lebensumstände, dauerhafte Fremdbestimmung und gesellschaftlichen Ansprüche belastet fühlen. Kindererziehung und Aufsicht kosten sehr viel Zeit, sodass es sein kann, dass nur noch wenig für einen selbst übrigbleibt. Es kann also das Gefühl aufkommen, dass jemand anderes darüber mehr Einfluss hat, wie man sein Leben lebt als man selbst. Dazu kann der Druck kommen, gesellschaftlichen unvereinbaren Idealen, wie zum Beispiel der uneingeschränkten Verfügbarkeit für sein Kind und der professionellen Verwirklichung nachkommen zu wollen. Mütter leiden also teilweise an einem extrem hohen Mental Load. Damit ist die Belastung, die durch die Organisation von Alltagsaufgaben entsteht, gemeint.

 

Mögliche Gründe, warum Frauen an der Mutterrolle leiden:

  • Ungleichgewicht in Aufgabenverteilung zwischen Eltern
  • Wegen starker Fremdbestimmung keine Zeit mehr für sich selbst haben
  • Fehlendes unterstützendes soziales Netz (Bspw. Familie und Freund:innen)
  • Fehlende Fähigkeit, für Selbstfürsorge einzustehen („Nein“ sagen)
  • Finanzieller Druck, vor allem bei Alleinerziehenden
  • Keine Wertschätzung/Anerkennung durch das Umfeld
  • Keine Hilfsangebote
  • Unrealistische Idealvorstellungen
  • Unsicherheit und Hilfslosigkeit
  • Misstrauen eigener Fähigkeiten
  • Perfektionismus

Wie vorher erwähnt, kann es aber auch zu einer inneren Ablehnung der Elternrolle kommen, obwohl diese Gründe nicht vorliegen

was kann 

helfen?

Vor diesen Ansprüchen können Mütter dann auch nicht mehr fliehen und dies zu beklagen stößt auf großen Widerstand in der Gesellschaft. Betroffene leiden auch meistens zusätzlich unter starker Selbstverurteilung und Schuldgefühlen, ihre Elternrolle innerlich abzulehnen.

 

Deshalb ist es wichtig, dieses Gefühl ernst zu nehmen und Betroffene dafür nicht zu verurteilen und darin zu unterstützen, mit ihm umzugehen.

Austausch
Sich mit anderen offen über seine Gefühle und Lebensrealität auszutauschen, kann sehr guttun.

Elternschaft ist eine sehr herausfordernde Aufgabe. Oft kann das Gefühl entstehen, dass man etwas falsch macht oder man sich vergleicht und denkt es schlechter zu machen als andere. Wichtig zu wissen ist, dass Sie nicht alleine sind und sich nicht schämen müssen, wenn Sie sich Unterstützung holen!

 

Als Außenstehende:r können Sie helfen, indem Sie zuhören, ohne zu bewerten.

Akzeptanz
Gefühle annehmen und sich dafür nicht verurteilen.

Bei der Akzeptanz geht es nicht darum, sich mit seinem Leid abzufinden und anzunehmen, mit seinem Leben unzufrieden zu sein. Es geht vielmehr darum, seine Gefühle anzunehmen und sich dafür nicht zu verurteilen. Dies ermöglicht dann auch den nächsten Schritt. Und zwar sich darin unterstützen zu lassen, mit diesen Gefühlen der möglichen Unzufriedenheit, Scham und Schuld umzugehen. Für Außenstehende bedeutet es, Betroffene nicht als schleche Eltern zu verurteilen. In einer solchen Lage ist es wichtig, Verständnis zu haben und nicht mehr Druck aufzubauen, da Betroffene davon abgehalten werden könnten, sich Hilfe zu holen. Auch für die Kinder Betroffener wird es schwieriger, wenn sich ihre Eltern überfordert und darüber hinaus noch isoliert fühlen.

Selbstfürsorge
Eigene Grenzen kennenlernen und rechtzeitig "nein" sagen

Bei der Selbstfürsorge geht es darum, sich um sich selbst gut zu kümmern und auf seine eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu achten. Somit leistet sie einen wichtigen Beitrag zu einem zufriedenen, ausgeglichenen Leben. Sich gut um sich selbst zu kümmern, ist aber auch harte Arbeit. Seien Sie deshalb geduldig und achten Sie auf einen gesunden, freundlichen inneren Dialog mit sich selbst! Blicken Sie auch immer wieder auf Ihre Erfolge und was Ihnen bisher schon gelungen ist. Schenken sie dabei auch kleineren Aufgaben Aufmerksamkeit. Sie werden erstaunt sein, dass sie viel mehr schaffen, als ursprünglich gedacht.

Hilfe von außen
Hilfe zu holen, zeigt Stärke und hilft, viel Leid vorzubeugen.

Scheuen Sie sich nicht davor, um Hilfe zu bitten! Manchmal übersteigen die aktuellen Lebensanforderungen unsere Kraft oder wir wissen nicht, wie wir mit für uns schwierigen Gefühlen umgehen sollen. In diesen Momenten, oder wenn sich diese anbahnen, ist es wichtig sich Hilfen von außen zu holen. Diese Hilfe kann unterschiedlich aussehen: Selbsthilfegruppen, sich Freund*innen und Familie anvertrauen, psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, sind gute Möglichkeiten sich unterstützen zu lassen.

haben sie noch fragen?

Falls Sie sich selbst von "Regrettring Motherhood" betroffen fühlen oder Fragen dazu haben, sind wir gerne für Sie da.  Melden Sie sich gerne bei uns in der Online-Beratung.  

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