Ehrliche Elternschaft
In unserer Gesellschaft gibt es viele Erwartungen und Idealvorstellungen, wie „gute“ Eltern zu sein haben und was sie alles mühelos schaffen sollten. Es kursieren viele Informationen über „gute Erziehung“, darüber, was man Kindern alles ermöglichen sollte und wie man sich selbst gleichzeitig persönlich und beruflich verwirklichen könnte.
Natürlich ist es wichtig, die Aufgabe als Bezugsperson ernst zu nehmen und sich gut um sich selbst und seine Kinder zu kümmern. Allerdings nimmt die Verbreitung von Idealbildern über Soziale Medien immer mehr zu. Das kann viel Druck auslösen und zu hohen Ansprüchen führen, die auf Dauer nicht gesund für einen selbst und die eigene Familie sind.
Gleichzeitig ist es wichtig, nicht zu denken, dass nur Gruselgeschichten die „wirkliche Wahrheit“ über Elternschaft darstellen. Ehrlich über Elternschaft zu sprechen, die Ambivalenz und gesamte Bandbreite an Gefühlen, Gedanken und Erlebnissen, die das Elternsein mit sich bringt, zuzulassen und nicht zu tabuisieren, kann sehr heilsam sein. Dieser Artikel soll dabei helfen den Schein von der Wirklichkeit in der Elternschaft zu trennen und dadurch Entlastung zu bieten.
Perfekte Eltern gibt es nur in unseren Vorstellungen.
Diese werden heute mehr denn je durch das Internet und Soziale Medien geprägt. Foren, Blogs, „Expert:innen“, Ratgeber und Videos erklären, wie man sein Kind „richtig“ erzieht.
Auf Instagram sieht man Bilder von der perfekten Mutter, dem perfekten Vater oder der perfekten Familie. Alles gelingt scheinbar mühelos. Wenn wir uns jedoch bewusstmachen, was wir alles von uns selbst abverlangen müssten, um diesen Idealen nacheifern zu können, wird uns schnell klar, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit ist.
Hierfür kann es hilfreich sein, sich die eigenen und die gesellschaftlichen Erwartungen vor Augen zu führen. Welchen Idealen eifern Sie als Eltern nach? Und was ist realistisch umsetzbar?
Hier mögliche Glaubenssätze, die Eltern vermittelt werden:
Ein perfekter Elternteil …
- ... hat eine komplett stressfreie Schwangerschaft und harmonische Stillzeit erlebt.
- ... hat während der Karenz alles nachgeholt, wofür davor keine Zeit war (Stichwort #OrdnungInDerWohnung oder #BastelprojekteDieIchImmerSchonMachenWollte).
- ... schafft stressfrei alle Haushaltstätigkeiten und hat eine aufgeräumte, modern eingerichtete Wohnung.
- ... hat ein lebendiges Sozialleben.
- ... kocht immer frisch und gibt seinen Kindern immer nur Gesundes zu essen.
... ist körperlich und emotional immer fit (macht z.B. 3x die Woche Yoga und protokolliert es auf Instagram).
- ... wird von seinen Kindern stets respektiert.
- ... bringt Kinder hervor, die Bitten immer folgen, höflich, brav und geduldig sind.
- ... hat Kinder, die erfolgreich in der Schule sind, keine psychischen Belastungen haben und sportlich sind.
- ... hat nie mit Wutanfällen und Geschrei in der Öffentlichkeit zu kämpfen.
- ... ist immer ausgeglichen und bleibt in jeder Stresssituation komplett gelassen und cool.
- ... bildet sich stets weiter und macht natürlich Karriere.
- ... ist immer einer Meinung mit dem Partner oder der Partnerin.
- ... hat eine tolle Paarbeziehung, die durch die Kinder nur weiter gestärkt wurde.
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Wenn diese Liste bei Ihnen Druck und Stress auslöst, ist das völlig normal, denn der Anspruch, all diesen Anforderungen immer zu entsprechen, ist unerreichbar.
Es ist wichtig, diesen Idealen nicht verkrampft nachzueifern. Als Eltern sind Sie ein Vorbild für Ihre Kinder. Wenn Sie also versuchen, alles perfekt zu machen, kann es sein, dass Ihre Kinder lernen, dass sie keine Fehler machen dürfen, deshalb ängstlicher sind und vermehrt zu Schuldgefühlen und (Selbst-) vorwürfen neigen. Es ist wichtig für das Selbstwertgefühl und die Frustrationstoleranz, dass man Fehler machen darf und trotzdem okay ist.
Seien Sie deshalb sanft und geduldig mit sich selbst, so, wie Sie es gerne mit Ihren Kindern wären. Kinder profitieren von Eltern, die mit ihrer Unvollkommenheit gut umgehen können und ihnen im Alltag vorleben, dass man Vertrauen in sich selbst und anderen gegenüber haben kann. Ein gelassener Umgang mit eigenen Unzulänglichkeiten fördert die Entwicklung Ihrer Kinder besser, als alles in jedem Moment perfekt machen zu wollen.
Perfektion ist nicht möglich und es ist deshalb nicht sinnvoll und gut für uns, sie uns als Standard zu setzen. Bedenken Sie, dass es keine „Elternschule“ gibt. Sie lernen gemeinsam im Rhythmus mit Ihrem Kind (und jedes Kind ist nochmal einzigartig) was es bedeutet Elternschaft zu leben und das ist vollkommen okay so!
Elternsein ist mit vielen Herausforderungen verbunden, vielleicht kennen Sie diese aus Ihrem eigenen Leben.
Vielleicht haben Sie ...
- ... sich schon in der Schwangerschaft Sorgen um die Gesundheit Ihres Kindes gemacht oder die Schwangerschaft als sehr mühsam und wenig freudvoll empfunden.
- ... eine schwierige oder belastende Geburt und herausfordernde Stillzeit erlebt.
- ... zu wenig Zeit für Ihre eigenen Bedürfnisse.
- ... keine Energie und Zeit dafür, mehr als das absolute Minimum im Haushalt zu machen.
- ... eine Karenz erlebt, die von Müdigkeit und Überforderung geprägt war.
Elternschaft ist mit vielen Herausforderungen verknüpft. Diese Auflistung soll Sie nicht entmutigen, sondern ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es okay ist, wenn Sie sich überfordert fühlen oder nicht dem unerreichbaren Ideal entsprechen. Kinder zu jedem Zeitpunkt und in jeder Situation nach einem angestrebten Standard zu erziehen, ist quasi unmöglich.
Wenn man seinem Kind das Beste bieten will und sich aus Liebe zu ihm bemüht, so viel wie möglich „richtig“ zu machen, ist es außerdem absolut verständlich, dass manchmal Druck entsteht.
Hier gibt es ein paar Ideen, wie Sie mit dem Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit umgehen können, um im Alltag mehr Gelassenheit zu entwickeln.
Idealbilder als Kompass
Idealbilder sind nicht immer schlecht. Sie können als Werthaltungen und Kompass dienen und Ihnen die Richtung weisen. Beispielsweise ist es ein guter Vorsatz in einem Streit nicht laut werden zu wollen und ruhig zu bleiben. Dies wird allerdings nicht immer gelingen.
Was richtig ist, haben Eltern meistens sehr gut im Gefühl. Erlauben Sie sich deshalb, diesem Gefühl auch immer wieder Vertrauen zu schenken. In der Kindererziehung gibt es Dinge, die beachtet werden müssen, aber es sind nicht die, die nach außen hin einen Schein der Perfektion tragen und einem Instagram-tauglichen Fotoideal entsprechen. Vielmehr geht es darum, mit Ihrem Kind eine gute Beziehung zu pflegen, in der es sich sicher und geborgen fühlt, sodass es auch zu Ihnen kommt, wenn es etwas braucht.
Akzeptanz: Herausforderungen gehören dazu
Auch wenn die Sozialen Medien uns etwas anderes vorspielen: Alle Menschen haben mit Hürden und Schwierigkeiten im Leben zu kämpfen. Es ist absolut okay und gehört zum Leben dazu, vor Herausforderungen zu stehen und zu versuchen, diese zu meistern. Das ist authentisch: Sich ihnen zu stellen zeigt Stärke! Menschen entwickeln sich, lernen dazu und wachsen an Herausforderungen – auch Eltern! Diesen Prozess werden Sie auch bei Ihrem Nachwuchs mitbekommen und merken, dass Sie ihn zwar nicht davor schützen, aber ihn dennoch durch diesen Prozess begleiten können.
Setzen Sie sich Prioritäten und überlegen Sie sich was Ihnen wirklich wichtig ist. Sie müssen nicht gleichzeitig top gestylt sein, das gesündeste Essen kochen, den Haushalt mit links schaffen und die beste Kindergeburtstagsparty aller Zeiten ausrichten. Sie haben nur ein begrenztes Maß an Energie und Stunden am Tag. Sie dürfen eine Pause machen und die Wäsche auch noch einen Tag länger hängen lassen. Nehmen Sie sich den Druck, nach außen hin perfekt erscheinen zu müssen. Vielleicht können Sie dadurch sogar anderen Eltern Entlastung schenken.
Sich mit anderen zu vergleichen kann sehr viel Stress erzeugen. Überlegen Sie daher, wem Sie in Sozialen Netzwerken folgen und achten Sie darauf, sich mit Leuten zu umgeben, die Ihnen guttun. Dies gilt natürlich auch für gegenteilige Stimmen, die Elternschaft als reinsten Horror oder Zumutung für die Gesellschaft bezeichnen. Erlauben Sie sich einen differenzierten, ehrlichen und wohlwollenden Blick, der Ihnen nicht das Gefühl gibt, alleine mit Ihrem Empfinden zu sein.
Kraft der Unvollkommenheit nutzen – Was Ihr Kind von Ihren Fehlern lernen kann
Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Auch Ihr Kind wird mit Leuten in Kontakt kommen, die sich nicht immer ideal verhalten. Es stellt sich auch die Frage, ob es ein „ideales“ Verhalten überhaupt gibt, da Menschen unterschiedliche Sichtweisen, Bedürfnisse und Erwartungen haben. Indem Sie Ihrem Kind vorleben, dass es dazugehört, nicht alles zu können und auch mal einen Fehler zu machen und dafür einzustehen, erfüllen Sie eine wichtige Vorbildfunktion.
Ihr Kind kann durch diesen Umgang einiges lernen und sich so in sozialen Interaktionen besser zurechtfinden. So können Kinder, deren Bedürfnisse nicht auf Knopfdruck befriedigt werden, Geduld und Rücksichtnahme üben, wenn sie merken, dass ihre Eltern sich gerade um noch weitere wichtige Dinge kümmern müssen.
Dies kann des Weiteren zu Gelegenheiten führen, in denen Sie Ihr Kind darin begleiten können mit eigenen unangenehmen Gefühlen und Frustrationen umzugehen. Es geht nicht darum „negative“ Emotionen zu vermeiden, sondern darum, gemeinsam zu lernen, wie man sie aushält.
Positiver Fokus
Lenken Sie Ihren Blick darauf, was Ihnen bereits gut gelingt und was Sie schon erreicht haben. Seien Sie stolz darauf! Dankbarkeit kann nachweislich das Wohlbefinden fördern. Welche Situationen haben Sie besonders gut gemeistert? Vergessen Sie nicht, immer wieder auch kleine Erfolge zu würdigen und zu feiern. Loben Sie sich auch für tagtägliche Aufgaben. Sie zu erledigen ist nicht selbstverständlich und kostet viel Arbeit und Kraft. Versuchen Sie deshalb, auch freundlich mit sich selbst zu sein.
Selbstfürsorge
Räumen Sie sich unbedingt auch immer wieder Pausen ein. Wie Sie gut für sich selbst sorgen können, erfahren Sie in diesem Artikel.
Loslassen
Sie dürfen loslassen! Machen Sie sich immer wieder bewusst, dass Extreme, wie die idealisierten Erwartungen der Gesellschaft an Eltern, unrealistisch sind! Versuchen Sie, Idealvorstellungen als Wegweiser anzunehmen und als Standard zu verwerfen.
Eine hilfreiche Übung ist, sich vorzustellen, wie Sie mit Ihrer besten Freundin oder Ihrem besten Freund sprechen würden, wenn sie oder er sich in derselben Situation befände. Es ist wichtig, anzuerkennen, dass Elternschaft eine große Lebensaufgabe ist und es okay ist, wenn man mal genervt ist oder sich in der Elternrolle nicht wohlfühlt. Machen Sie sich dafür keine Vorwürfe! Sie geben Ihr Bestes und das ist genug.
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