Krisen
13. Mai 2020
·
7 Minuten Lesezeit

Was ist Resilienz?

Ein Beitrag von:
Corinna Harles
Corinna Harles
Artikelinfo:

Das Konzept der Resilienz erklärt, warum manche Kinder eine Krise ohne bleibende Beeinträchtigungen überstehen. Es kann Antworten zu den Langzeitauswirkungen der Corona-Pandemie geben.

Viele Eltern machen sich Sorgen, welche Auswirkungen die Ausgangsbeschränkungen und damit verbundenen Kontaktverbote auf ihre Kinder hatten und haben. Im Kindergarten und in der Schule werden soziale Interaktionen mit anderen Kindern und Bezugspersonen verpasst, die wichtig für die Entwicklung der Kinder sind. Freunde und Freundinnen und andere nahestehende Bezugspersonen wie die Großeltern können lange Zeiten nicht in der Realität gesehen werden.

 

Auch die momentanen Sicherheitsvorkehrungen, nach denen wir Abstand zu anderen Menschen halten müssen und ihnen aus dem Weg gehen, entsprechen nicht unserem eigentlichen Impuls, Menschen, die wir mögen, nahezukommen und von Menschen, die wir meiden, Abstand zu halten. Wenn Masken unsere Mimik verdecken, kann das sehr irritierend sein, weil wir Gesichtsausdrücke schlechter deuten und Situationen deshalb schwerer einschätzen können. Nun stellt sich die Frage: Was macht das mit unseren Kindern, wenn sie in dieser Situation aufwachsen? Können wir etwas tun, um sie zu schützen?

 

Natürlich können wir nicht genau wissen, wie sich die Coronazeit auf unsere Kinder auswirkt. Es gibt jedoch viel Forschung dazu, was Schutzfaktoren für Kinder sind. Hier wurde untersucht, warum manche Kinder schwierige Situationen erleben, wie Armut, Scheidung, Verlust des Arbeitsplatzes, psychische Krankheiten und Drogenmissbrauch und trotzdem gut im Leben zurechtkommen. Diese Widerstandskraft wird als Resilienz bezeichnet. Man konnte vier wichtige Aspekte herausfinden, die beeinflussen, wie gut ein Kind schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigungen überstehen kann.

Resilienz ist eine Frage der Persönlichkeitsmerkmale

Die biologisch verankerten Temperaments- und Persönlichkeitsmerkmale eines Kindes können dafür sorgen, dass Kinder viele positive Erfahrungen machen und in manche schwierigen Situationen gar nicht erst hineingeraten. Das Temperament des Kindes macht hier besonders viel aus: Kinder mit einer unbeschwerten, geselligen Veranlagung passen sich leichter an Veränderungen an und andere Menschen reagieren positiver auf sie. Auch intellektuelle Fähigkeiten sind ein Schutzfaktor. Sie vergrößern die Chancen, dass ein Kind in der Schule positive Erfahrungen erlebt, die Stress zu Hause in den Hintergrund rücken lassen.

Resilienz wird durch eine warmherzige Beziehung zu den Eltern begünstigt

Eine enge Beziehung zu mindestens einem Elternteil, der dem Kind emotionale Zuwendung entgegenbringt und hilft Ordnung und Orientierung in das Leben des Kindes zu bringen, ist ein weiterer Schutzfaktor. Er ist nicht unabhängig vom ersten Faktor. Pflegeleichte Kinder erleben eher positive Beziehungen zu Eltern und anderen Menschen und können dadurch eher Eigenschaften entwickeln, die für andere Menschen anziehend sind.

Resilienz wird durch soziale Unterstützung außerhalb des engen Familienkreises gestärkt

Es kann die Großmutter, der Opa, ein Lehrer oder ein enger Freund sein: Ein lieber Mensch außerhalb der Familie, zu dem sich eine stabile, unterstützende enge Bindung entwickelt, kann viel zur Resilienz beitragen. Auch dahingehend, dass das Kind durch die Vorbildfunktion effektive Bewältigungsstrategien erlernt.

Eine stabile soziale Umwelt macht resilient

Die Möglichkeit sich am Gemeinschaftsleben zu beteiligen, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ältere Kinder und Jugendliche die Widrigkeiten des Lebens besser überstehen. Teil von Jugendgruppen, Arbeitsgemeinschaften oder freiwilligen Aktivitäten zu sein, vermittelt wichtige soziale Kompetenzen wie Kooperation, Führungskompetenz und auf das Wohlergehen Anderer zu achten. Das Kind gewinnt auf diesem Weg Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Verantwortungsgefühl für den Nächsten.

Was kann man nun für die Coronakrise daraus schließen?

Das wichtigste ist: Eine stabile, unterstützende Beziehung zu Ihrem Kind bietet den größten Schutz, um durch diese schwierige Zeit möglichst gut hindurch zu kommen. Wenn Sie Pate, Oma, Onkel oder eine andere Bezugsperson für Kinder sind, helfen Sie, indem Sie ein Ansprechpartner für das Kind sind, mit ihm in Kontakt stehen, zuhören und unterstützen. Bei älteren Kindern sollten Sie den Kontakt zu den FreundInnen unterstützen. Wie kann dieser möglichst gut gehalten werden? Kann man online Computerspiele spielen, sich im Freien treffen usw.

 

Versuchen Sie achtsam, ehrlich und altersgerecht mit Ihren Kindern über die Belastungen durch Corona zu sprechen. Wenn Kinder nur diffus spüren, dass etwas nicht stimmt, führt das oft zu Ängsten und Unsicherheiten. Wichtig ist hier auch, gut zu erklären, warum es momentan die Regeln bezüglich des Abstandes gibt und dass das nicht heißt, dass wir uns nicht mehr gerne haben. Vielleicht können Sie Ihr Kind auch fragen, wie es das Ganze erlebt, ob es sich Sorgen macht, die Situation komisch findet, oder sich bereits gut auskennt und sie als momentanen Zustand akzeptiert hat. Jedes Kind empfindet anders und es ist wichtig, individuell darauf einzugehen.

 

Prinzipiell wissen wir nicht genau, wie es weitergeht. Daher können wir nur einen Schritt nach dem anderen machen und versuchen, die aufkommenden Themen eines nach dem anderen anzugehen und dann zu überlegen, wie wir damit gut umgehen können. Schwierige Situationen gehören zum Leben dazu. Auch wenn man es noch so gerne möchte, kann man seine Kinder nicht vor allem beschützen. Man kann Ihnen jedoch beistehen und helfen, dass sie die Herausforderungen gut meistern und sich gemeinsam dafür entscheiden, Vertrauen zu haben.

 

Wenn die Situation so schwierig sein sollte, dass Sie sich zusätzliche Unterstützung holen möchten, stehen wir Ihnen gerne auch mit individueller Beratung zur Seite.  

Dieser Artikel wurde auf Basis der folgenden Literatur erstellt:

 

Berk, L. E. (2005). Entwicklungspschologie. München: Pearson Studium.

 

Masten, A. S. (1998). The Development of Competence in Favorable and Unfavorable Environments: Lessons from Research on Successful Children. American Psychologist , 205-220.

 

Masten, A. S., Hubbard, J., Gest, S. D., Tellegen, A., Garmezy, N., & Ramirez, M. (1999). Adaptation in the context of adversity; Pathways to resilience and maladaption from childhood to late adolescence. Development and Psychopathology, 11, 143-169.

 

Milgram, N. A. (1993). Psychosocial characteristics of resilient children. Journal of Research in Personality, 207-221.

 

Seccombe, K. (2002). "Beating the odds" versus "changing the odds": Poverty, resilience, and family policy. Journal of Marriage and the Family, 64, 384-394.

 

Smith, J., & Prior, M. (1995). Temperament and stress resilience in school-age children: A within-families study. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 34, 168-179.

 

Wyman, P. A., Cowen, E. L., Work, W. C., Hoyt-Meyers, L., Magnus, K. B., & Fragen, D. B. (1999). Caregiving and developmental factors differentiating young at-risk urban children showing resilient versus stress-affected outcomes: A replication and extension. Child Development, 70, 645-659.

 

Zimmerman, M. A., & Arunkumar, R. (1994). Resiliency research: Implications for schools and policy. Social Policy Report of the Society for Research in Child Development, 4.

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