Beziehungen
04. Okt. 2021
·
6 Minuten Lesezeit

Wie "Gewaltfreie Kommunikation" bei Streit in der Familie helfen kann

Ein Beitrag von:
Ursula Fischer
Ursula Fischer
Artikelinfo:

Was sind die vier Stufen der gewaltfreien Kommunikation von Marshall B. Rosenberg? Welche Tipps sich daraus ableiten lassen, um mit Streit in der Familie besser umzugehen. Und wie man Wahrnehmungen und Gefühle so mitteilen kann, dass sie ankommen, aber nicht angreifen.  

Marshall Rosenberg wuchs im Detroit der der 1930er und 40er Jahre auf und wurde durch eine nicht gerade gewaltfreie Kindheit und Jugend geprägt. Später engagierte er sich in Bürgerrechts- und Studentenbewegungen. Er wurde Psychologe und entwickelte schließlich das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation. Seine Methode zur gewaltfreien Konfliktlösung hat bis heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren.

Denn wenn eine*r Recht hat und der/die andere nicht, dann gibt es Sieger*innen und Verlierer*innen. Diejenigen, die bekommen, was sie wollen, und diejenigen, die leer ausgehen. Das führt nicht zu Frieden, Harmonie und Glück. Nach Rosenberg gelingt eine Kommunikation nur dann, wenn wir uns empathisch in unser Gegenüber einfühlen, ehrlich von uns und unseren Gefühlen sprechen und auch deutlich ausdrücken, was wir uns von unserer*m Gesprächspartner*in wünschen.

Willst du Recht haben oder glücklich sein? Beides gleichzeitig geht nicht.

DIE 4 STUFEN DER Gewaltfreien Kommunikation NACH ROSENBERG:

Die eigene Beobachtung

Wertfrei aus der eigenen Sicht beschreiben, was passiert ist.

z.B.: „Ich bin gestern nach Hause gekommen und im Wohnzimmer sind Bücher, Gewand und Essensreste durcheinander gelegen.“

Das Gefühl 

... das durch die Beobachtung ausgelöst wurde.

z.B. „Da ich müde war und mich auf einen gemütlichen Abend gefreut habe, hat mich das wütend und traurig gemacht.“

Das Bedürfnis

... das hinter dem Gefühl steht.

 

z.B. „Ich will mich darauf verlassen können, dass ich nach der Arbeit meine Freizeit genießen kann und nicht vorher noch im Haushalt weiterarbeiten muss.“

Die Bitte

... die sich aus dem Bedürfnis ergibt.

z.B. „Bitte räumt eure Sachen entweder gleich weg, oder bis spätestens 17:00, damit das Wohnzimmer für alle ein Ort bleibt, in dem sie sich wohlfühlen und entspannen können.“

Die Bitte soll sich auf eine konkrete Handlung beziehen und zum Ziel haben, die Lebensqualität der Beteiligten zu verbessern.

   

Gewalt ist ein tragischer Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses.

Was heißt das im Familienalltag?

Die folgenden Tipps zeigen, wie wir mit Konflikten besser umgehen und Wahrnehmungen und Gefühle so mitteilen können, dass sie ankommen, aber nicht angreifen. Man kann so mit Kindern über Ärger sprechen, ohne sie abzuwerten und ihr Selbstwertgefühl dadurch zu beeinträchtigen. Eine gute, gewaltfreie Kommunikation stärkt das Vertrauen und die Beziehungen in der Familie und hilft den Kinder auch im späteren Leben besser mit Konfliktsituationen umzugehen.

UNSERE
TippS:

#1 Ich höre dir zu

Was macht Ihr Kind gerade? Welche Themen sind ihm/ihr wichtig? Nehmen Sie sich Zeit und zeigen Sie Interesse. Hören Sie aufmerksam zu, wenn Ihr Kind Ihnen etwas erzählen möchte. So spürt Ihr Kind, dass Sie es ernst nehmen und fühlt sich wertgeschätzt. Wenn Sie einen regelmäßigen Austausch pflegen, schaffen Sie damit eine sehr gute Basis für Situationen, die schwierig oder konfliktbelastet sind. 

#2 Ich-Botschaften

Wenn Sie in der Familie diskutieren, lassen Sie einander ausreden und versuchen Sie, sich in die Lage des Gegenübers zu versetzen. Vermeiden Sie Vorwürfe und formulieren Sie Ihre Sicht der Dinge in Ich-Botschaften.

 

Teilen Sie auch, wie sich das für Sie anfühlt: „Ich habe das Gefühl, wir verbringen kaum noch Zeit zusammen. Das macht mich traurig.“

#3 Kompromisse

Sie haben bereits länger disktutiert, aber sind "noch immer nicht" derselben Meinung? Das kann durchaus sein. Versuchen Sie, sich auf die Sichtweise Ihres Kindes einzulassen und diese zu verstehen. Versuchen Sie zusammen, Kompromisse zu finden. Das gelingt, wenn Sie die Ideen Ihres Kindes mit einbeziehen.

#4 Streit unter vier Augen

Ja, auch Eltern streiten - mitunter auch vor den Kindern. Es ist wichtig, dass Kinder konstruktive Konfliktlösung erleben und daraus lernen können. Wenn Eltern eine solche Streitkultur vorleben und sich nach dem Streit versöhnen, ist das auch vor den Kindern in Ordnung.

 

Viele Streitigkeiten werden allerdings von Kindern bedrohlich oder beängstigend erlebt und sind vom Thema her auch nicht für Kinderohren geeignet. Es ist also besser, solche Konflikte nicht vor den Kindern auszutragen.

#5 Ich könnte schreien!

Sie haben den Eindruck, eine Situation eskaliert? In so einem Fall ist es besser, nicht weiter auf Ihrem Standpunkt zu bestehen. Bevor Sie etwas sagen, das Ihr Kind verletzt und Ihnen später leid tut, atmen Sie tief durch.

 

Achten Sie darauf, dass Sie mit beiden Beinen fest am Boden stehen und zählen Sie gedanklich langsam von 10 bis 0. Kann Sie das alles nicht ausreichend beruhigen, zahlt es sich oft aus, kurz das Zimmer zu verlassen. Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie eine kurze Auszeit brauchen und dann wiederkommen.

Video-beratung online

Wenn Sie noch Fragen haben oder Ihre persönliche Situation besprechen wollen: Melden Sie sich beim Beratungsteam der Rat auf Draht Elternseite! Ein Gespräch bringt Entlastung. 

UNSERE neuesten Artikel:

Krisen

Tod und Trauer: Wie Kinder trauern (im Alter von 6 bis 11 Jahren)

Begegnet ein Kind dem Tod, dann ist es wichtig, dass es die Erwachsenen in seiner Umgebung verständnisvoll begleiten. Erklären, dass der Tod jeden Menschen und jedes andere Lebewesen eines Tages ereilen wird. Dass er zum Leben gehört. Und dass jemand, der gestorben ist, nicht mehr in unsere Welt zurückkommen wird. Wichtig ist dabei, auf die persönliche Entwicklung des Kindes zu achten, denn Kinder entwickeln sich unterschiedlich.

Konsumerziehung - was Eltern ihren Kindern mitgeben sollten

Wer kennt sie nicht, die ständige Auseinandersetzung mit dem Nachwuchs darüber, was gekauft wird und was nicht. Wie eine sinnvolle Konsumerziehung aussehen kann, erfahren Sie hier.

Alltag
Krisen

Tut tot-sein weh? Wie kleine Kinder trauern

Kinder habe je nach Alter ihre eigenen Vorstelllungen von den Begriffen Leben und Tod. Wichtig ist, dass Erwachsene wissen, was der Tod für Kinder in den verschiedenen Altersstufen bedeuten kann. Sie sollten aber auch wissen, dass sich Kinder unterschiedlich entwickeln und deswegen Gleichaltrige nicht unbedingt auf dem gleichen Entwicklungsstand sind.

Schule & Lernen

Die schwierige Rückkehr in den normalen Schulalltag

Schule war einmal eine Selbstverständlichkeit. Sicher eine, die Kindern auch Schwierigkeiten bereitet hat. Aber doch eine verlässliche Instanz im Alltag. Dann kam Corona und alles war anders.  Als Folgen der andauernden Überlastung berichten viele Eltern auch von mehr Konflikten zum Thema Schule.Es gibt auch Kinder, die die Schule ganz verweigert und aufgegeben haben.

Alltag

Aktuelle Webinare

Wir laden Sie ein zu unserem neuen Webinar-Angebot in Zusammenarbeit mit WohlfühlPOOL, einer Plattform des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz die in Kooperation mit dem Fonds Gesundes Österreich umgesetzt wird.

5 Fragen an... die möwe

Die Serie Hilfsangebote ABC der Rat auf Draht Elternseite stellt die Kinderschutzorganisation die möwe vor, die sich speziell dem Thema Gewalt gegen Kinder und Jugendliche widmet. Die möwe betreut Kinder und Jugendliche und ihre Familien nach Gewalterleben je nach Bedarf mit Beratung, Prozessbegleitung, psychologischer Diagnostik und Psychotherapie.

Hilfsangebote ABC
Krisen

Auch Kinder können Suizidgedanken haben

Wie können Eltern mit der Verzweiflung der eigenen Kinder umgehen? Wie reagiert man, wenn Kinder Suizidgedanken äußern?