Entwicklungsphasen
27. Juni 2022
·
5 Minuten Lesezeit

Grenzen setzen und aushalten

Ein Beitrag von:
Silvie Haring
Silvie Haring
Artikelinfo:

Das Thema Grenzen setzt viele Eltern unter Druck. Es ist oft schwer, das richtige Ausmaß zu finden, um die Kinder nicht zu sehr einzuengen, aber auch genug Sicherheit und Halt zu geben. 

Wenn Kinder auf die Welt kommen, sind sie noch nicht in der Lage, ihre eigenen Bedürfnisse zu stillen und so von selbst wieder in einen ausgeglichenen Zustand zu kommen. In den ersten Lebensmonaten ist es daher sehr wichtig, dass die Bezugspersonen die Bedürfnisse der Kinder erkennen (wie z.B. das Bedürfnis nach Nahrung, dem Wunsch nach Nähe und Aufmerksamkeit) und rasch in angemessener Weise darauf reagieren, was das Kind gerade braucht. Dadurch kann eine stabile Bindung zwischen dem Kind und seiner Bezugsperson entstehen. Eine positive Eltern-Kind-Beziehung wirkt sich wiederum langfristig günstig auf die seelische wie die körperliche Entwicklung des Kindes aus.

 

Ab dem Zeitpunkt, wo die Kinder zu krabbeln beginnen und anfangen, die Umgebung zu erkunden wird es auch wichtig, Grenzen zu setzen. Diese sind auch zunächst wichtiger Schutz für die Kinder, damit sie sich dabei nicht verletzen. Das Thema Grenzen begleitet uns dann die gesamte Erziehung des Kindes und setzt viele Eltern unter Druck. Denn es ist oft schwierig, das richtige Ausmaß zu finden, um die Kinder nicht zu sehr einzuengen, aber auch genug Sicherheit und Halt zu geben. 

typische Konflikt-situationen:

  • Ihr Kind will Süßigkeiten haben, aber Sie finden, es gab bereits genug zum Naschen heute. 
  • Ihr Kind will lieber weiterspielen als wie von Ihnen gefordert zum Essen zu kommen. 
  • Ihr Kind will seine Jacke nicht anziehen, obwohl Sie bereits erklärt haben, dass es ohne sie zu kalt ist.

Bei diesen Konfliktsituationen prallen unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander. Wenn das Kind sich dann den Forderungen der Eltern widersetzt, löst diese Reaktion bei den Eltern oft Gefühle wie Ratlosigkeit, Ärger oder Wut auf das Kind aus. Beispielsweise weil sie den Eindruck haben, dass das Kind es mit Absicht macht, um seine Bezugsperson zu ärgern. Viele Eltern haben auch den Eindruck, dass sie dem Kind bereits alles gut erklärt haben, aber dennoch hört es nicht auf einen!

Solche Situationen schaukeln sich schnell hoch. Dann kann es leicht passieren, dass ein anfängliches Betteln oder Flehen des Kindes schnell zu einem lauten Schreien, Schimpfen oder Weinen wird. 

 

Einige Eltern sorgen sich auch, dass die Grenze, die sie setzen, zu einer schlechten Stimmung für den restlichen Tag führt oder gar die Beziehung zwischen Eltern und Kind beeinträchtigt.

warum sind grenzen wichtig?

Grenzen sind wichtig, denn sie schützen u.a. vor Gefahr oder auch davor, dass die Bezugspersonen in eine Überforderung kommen. Zudem fördern sie die Entwicklung des Kindes (z.B. in dem es lernt, mit Frustrationen umzugehen) und gehören zum sozialen Miteinander. Daher wird das Kind im Alltag immer wieder erleben, dass etwas Unangenehmes oder Verzicht von ihm verlangt wird.

Es ist im Alltag nicht möglich und auch nicht förderlich, all den Wünschen seines Kindes nachzukommen, um Konflikte zu vermeiden.

Wie kann man Grenzen setzen

Kinder leben stark nach dem Lustprinzip, das heißt sie machen vorwiegend das gerne, was ihnen Spaß und Freude macht und sich gut anfühlt. Solche Dinge zu unterlassen oder aufschieben zu sollen, obwohl sie oft als sehr drängend von den Kindern erlebt werden, löst Frustration aus. Diese drückt sich oft in Wut und Ärger aus. Das heißt also, dass man sein Kind enttäuschen muss, wenn man eine Grenze setzt und ihm beispielweise nicht erlaubt weiter zu spielen, weil das Essen schon am Tisch steht oder ihm nicht wie gewünscht eine Süßigkeit kauft etc. Zudem sollte man im Auge behalten, dass Kinder im Alltag zahlreiche Frustrationserlebnisse haben, da im Zusammenleben vielfach verlangt wird, seine Bedürfnisse zumindest vorübergehend zu unterdrücken. 

Wenn es einem also als Erwachsener gelingt, in solchen Situationen sich in das Kind hineinzuversetzen (das z.B. gerade lieber weiterspielen mag als zum Essen zu kommen) ist es verständlich, dass die Grenze einen Unmut, Frustration oder Enttäuschung beim Kind auslöst. Als Erwachsener, der die Grenze eingefordert hat, war man sozusagen der Auslöser dieses Unmutes.

Mutter troestet ein weinendes, veraergertes Kind

Um Konflikte positiv bewältigen zu können, ist es wichtig, sich in sein Kind hineinzuversetzen.

Diese Grenze (z.B. nicht weiterspielen, sondern zum Essen kommen) ist für das Kind aber zumutbar, solange sie auf die Entwicklungsbedürfnisse des Kindes eingeht. Unter Entwicklungsbedürfnisse werden Bedürfnisse wie Liebe, Anerkennung, Wertschätzung etc. zusammengefasst. Diese Haltung wird in Fachkreisen auch als Haltung der verantworteten Schuld bezeichnet.


Durch diese Haltung kann man als Erwachsener Verständnis für die Gefühle des Kindes zeigen. Man kann wieder liebevoller auf das Kind zugehen und versuchen, die Situation zu entschärfen.

Mögliche Beispiele:

  • Die Gefühle des Kindes in Worte fassen.
  • Versuchen, das Kind zu trösten.
  • Kompromisse suchen (z.B. nach dem Essen weiterspielen oder jetzt noch kurz fertig spielen). 

Es ist wichtig, dass man seinem Kind in diesen Situationen hilft, die Gefühle zu bewältigen und es nicht alleine mit seinen Gefühlen bleibt.

Es gibt natürlich Momente, wo man seine Kinder nicht versteht. Das ist ganz normal! In diesen Momenten hilft es, dem Kind dennoch mit Mitgefühl zu begegnen, damit sich die Situationen nicht hochschaukelt.

 

Bei allem Bemühen und allem Verstehen wird es aber dennoch Situationen geben, wo es nicht immer gelingt, Grenzen zu setzen (beispielsweise, weil das Kind oder man selbst schon zu emotional ist) – das ist vollkommen normal!

 

Wichtig ist es, auch wenn das nicht immer leicht ist, die Ruhe zu bewahren. Bevor die Situation zu sehr eskaliert, verlassen Sie den Raum, um Abstand zu gewinnen und sich zu beruhigen!

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