Baby & Kleinkind
18. Sep. 2020
·
8 Minuten Lesezeit

Die Trotzphase und wie Sie gut damit umgehen

Geschrieben von:
Elisa Stögmüller
Elisa Stögmüller
Artikelinfo:

Im 2. Lebensjahr werden Kinder zunehmend selbständiger, sie streben nach Autonomie. Die Trotzphase fordert Eltern heraus und sind doch Teil der normalen Entwicklung.

Die Entwicklung des Selbst und das Streben nach Autonomie

Im zweiten Lebensjahr wollen Kinder die Welt entdecken. Wie kleine, neugierige Wissenschaftler möchten sie herausfinden, wie ihre Umwelt funktioniert. Als Eltern können Sie beobachten und sich freuen, wie ihr Kind täglich Neues lernt. Kinder benötigen in dieser Zeit Verständnis, aber auch klare Grenzen, um zu lernen, was erlaubt ist und was nicht. Das Kind lernt dadurch einerseits die Regeln des Miteinanders kennen, andererseits den passenden Umgang mit seinen Bedürfnissen, seinen Wünschen und seinem Willen. Dies ist eine sehr herausfordernde Erziehungsaufgabe. Es braucht viel Geduld und ist oft ein Balanceakt, dem Kind ausreichend Grenzen zu setzen, dabei jedoch das Autonomiestreben nicht zu stark einzuschränken. Und: All dies sollte liebevoll und wohlwollend vermittelt werden, damit das Kind im Laufe der Zeit Selbstvertrauen und Selbstwert entwickeln kann.

 

Das Kind hat das Bedürfnis, die Welt zu erkunden und selbständig zu sein. Das bringt auch unterschiedliche Vorstellungen und Wünsche bei Kindern und Eltern mit sich. Ihr Kind hat möglicherweise plötzlich begonnen, sich Ihnen zu widersetzen. Es schreit, weint oder schlägt, wenn es etwas nicht möchte. Vielleicht waren Sie überrascht über die Heftigkeit der Reaktion Ihres Kindes, erschrocken, verunsichert oder sogar hilflos.

 

Trotzverhalten etwa ab dem zweiten bis zum fünften Lebensjahr ist Teil der kindlichen Entwicklung. Es ist normal, dass Kleinkinder auf Verbote und frustrierende Erlebnisse mit Trotz und/oder Wut reagieren. Es wäre hingegen ungewöhnlich, wenn ein Kind dies nicht zeigen würde. Werfen sich Kinder auf den Boden, weinen, schreien, schlagen um sich, sind wütend und beleidigt, ist das kein Grund zur Beunruhigung und/oder Sorge. Es bedeutet nicht, dass Ihr Kind böse ist, Sie damit persönlich angreifen oder Ihnen das Leben schwer machen möchte. Es ist auch keinesfalls ein Zeichen schlechter Erziehung!

 

Vermutlich ist der Hinweis, dass Wut- und Trotzanfälle zur kindlichen Entwicklung gehören, nicht neu und das Wissen, dass es „normal“ ist, macht diese nicht angenehmer. Es ist und bleibt eine aufwühlende und anstrengende Angelegenheit für Eltern. Aus kindlicher Perspektive ist diese Entwicklungsphase jedoch sehr wichtig.  Zudem ist es mit etwas Hintergrundwissen einfacher, die Entwicklung des Kindes nachzuvollziehen und dem Trotzverhalten verständnisvoller zu begegnen.

 

Im Alter von circa zwei Jahren macht die ICH-Entwicklung einen großen Entwicklungssprung. Das Kind nimmt sich selbst als eigenständige Person wahr und erkennt, dass es einen eigenen Willen besitzt. Mit der Erkenntnis des eigenen Willens beginnt es, diesen durchsetzen zu wollen. Gelingt ihm das nicht, äußert es seinen Unmut darüber je nach Temperament in unterschiedlich starken Trotzreaktionen. Trotz ist die Reaktion auf Begebenheiten und Erlebnisse in seinem Umfeld, ausgelöst durch die Anfänge der Autonomieentwicklung. Ein Trotzanfall ist außerdem auch Ausdruck emotionaler Überforderung. Erwachsene haben bereits gelernt, ihre Bedürfnisse aufzuschieben und ihre Frustration passender zu bewältigen. Kinder müssen erst lernen, mit Wut und Frustration umzugehen. Eine Trotzreaktion hat nichts mit einer bösen Absicht eines Kindes zu tun.

Trotz - auch eine Frage des Temperaments

Ausprägung und Ausmaß des Trotzverhalten sind wesentlich vom Temperament abhängig und somit von Kind zu Kind unterschiedlich. So sind manche Kinder nur ein bisschen beleidigt und stampfen einmal fest mit dem Fuß auf den Boden, wenn sie im Supermarkt die Lieblingssüßigkeit nicht bekommen. Ein anderes Kind wirft sich in der gleichen Situation auf den Boden und beginnt zu toben und zu weinen. Temperament ist Kindern angeboren, da haben Eltern recht wenig Einfluss.

Wie sich Eltern unterstützend verhalten können

Das Verhalten der Eltern hat jedoch eine wesentliche Wirkung darauf, wie häufig und anhaltend die Wut- und Trotzanfälle auftreten. Erfährt ein Kind, dass es mit seiner Willenskraft etwas bewirken kann, setzt es diese Kraft für eine gewisse Zeit vermehrt ein. Interpretieren Eltern das als „böses“ oder „schlimmes“ Verhalten und reagieren mit Strenge, werden sie Widerstand beim Kind auslösen und Machtkämpfe können entstehen. Der Druck der Eltern führt zu Gegendruck beim Kind. Kinder werden dann vermehrt mit Trotz reagieren. Je liebevoller und freundlicher hingegen Kinder behandelt werden, desto weniger tritt kindlicher Widerstand auf.

 

Kinder zwischen zwei und vier Jahren wollen immer mehr alleine machen und autonomer sein. Gelingt ihnen das nicht, sind sie enttäuscht und frustriert. Die Enttäuschung und Frustration über das Misslingen eines Vorhabens kann sich dann in einem Wutanfall entladen beziehungsweise ausdrücken. Jungen Kindern fehlen zum Beispiel meist noch die verbalen Fähigkeiten, um ihre negativen Spannungen mittels Worten mitzuteilen. Sie müssen erst lernen, mit ihrer Wut umzugehen.

 

Wutanfälle, die sich beim Einkaufen, auf der Straße oder am Spielplatz abspielen, bringen Eltern teilweise in große Verlegenheit. Eltern geraten unter großen Druck, wie sie sich am besten verhalten sollen. Einige Eltern haben auch vor einem negativen Urteil der sozialen Umwelt Angst und schämen sich, dass sich ihr Kind so auffällig verhält. Ein zorniges, wütendes, schreiendes Kind kann ziemlich viele Unannehmlichkeiten bereiten. Ein Ausbleiben der Trotzphase wäre jedoch weitaus problematischer, denn es könnte bedeuten, dass die ICH-Entwicklung keine Fortschritte macht. Die Fähigkeit wütend zu werden, sich zu wehren und nein-zu-sagen macht deutlich, dass das Kind lernt, sich als Person wahrzunehmen. Diese Phase ist zwar für Eltern anstrengend, hält aber nicht für immer an. Ab dem 3. Lebensjahr erhöht sich die Frustrationstoleranz, Spannung kann besser ausgehalten und Zusammenhänge besser erkannt werden. Außerdem kann es sich immer differenzierter und effektiver in Worten mitteilen.

 

Bei Wutanfällen ist es häufig am sinnvollsten, diesen abzuwarten und auszuhalten. Das Kind in den Arm zu nehmen, es zu streicheln und es mit Worten zu beruhigen, gelingt meistens nicht. Im Gegenteil, der Versuch ein Kind auf diese Weise zu beruhigen, verstärkt und verlängert die Wutreaktion oftmals. Geben Eltern nach, dann wird das Kind erfahren, dass sein Verhalten erfolgreich ist. Es ist anzunehmen, dass sich die Trotzanfälle dann häufen. In der Regel ist es am sinnvollsten, den Trotzanfall abzuwarten, das Kind in Ruhe zu lassen, aber bei ihm zu bleiben. So erfährt das Kind, dass der Erwachsene es nicht verlässt, ihm aber auch nicht nachgibt. Dabei ist es wichtig, die Sicherheit des Kindes im Auge zu behalten, Gefahrenquellen sollten außer Reichweite des Kindes sein. Weiters soll dem Kind signalisiert werden: Ich sehe dich in deiner Not und nehme dich ernst. Ein Kind anzuschreien, es zu bestrafen oder zu demütigen, ist nicht sinnvoll, sondern im Gegenteil entwicklungshemmend für das Kind. Eine einfühlsame, geduldige und schützende Haltung ist natürlich nicht leicht durchzuhalten. Vor allem dann nicht, wenn einem die Umgebung mit verdeckter und/oder offener Kritik begegnet und die erzieherischen Fähigkeiten eines Elternteils anzweifelt. Weshalb es hilfreich sein kann, sich in diesen Augenblicken so wenig wie möglich Gedanken über die Umwelt zu machen.

 

Es ist verständlich, dass solche Situationen sehr aufwühlend sein können. Trotzdem sollte versucht werden, so viel Ruhe wie möglich zu bewahren. Es ist nämlich beinahe unmöglich, eine andere Person zu beruhigen, wenn man selbst total unter Spannung steht. Es kann helfen, einige Male tief durchzuatmen, bevor wieder mit dem Kind interagiert wird. Vielleicht gibt es einen Satz, ein Mantra oder ein Bild, dass in Erinnerung gerufen werden kann, um wieder ein bisschen gelassener zu sein und die Situation leichter bewältigen zu können. Erleichternd kann es auch sein, an eine lustige Situation zu denken, die einen zum Schmunzeln bringt und den Ärger über das Verhalten seines Kindes etwas vertreibt. Falls all diese Methoden nicht klappen, dann hilft es möglicherweise in ein Kissen zu boxen oder mit Zeitungspapierbällen durch den Raum zu werfen. Gelingt es den Ärger fürs erste zu unterdrücken, kann auch Sport oder ein Gespräch mit einer vertrauten Person zu einem späteren Zeitpunkt helfen, negative Emotionen los zu werden.

  • Zeitpuffer einplanen
    Oftmals führen Situationen, in denen Zeitdruck besteht beziehungsweise in denen wenig Zeit ist, dazu, dass Kinder in einen Trotzanfall geraten. Eine klassische Situation ist zum Beispiel morgens, wenn Eltern in Eile sind und eigentlich möglichst zügig in die Arbeit müssen, doch ein Kind plötzlich beschließt sich selbständig anziehen zu wollen. In der Regel werden Erwachsene ungeduldig, was zu Stress, negativer Spannung sowie Frustration bei Eltern und Kinder führt. In solchen oder ähnlichen Situationen kann es helfen, etwas mehr Zeit einzuplanen. Manchmal sind fünf bis zehn Minuten mehr ausreichend, um Kindern Raum zu geben, etwas selbst machen zu können. Von Erwachsenen verlangt es ein besseres Zeitmanagement, dafür kann es gelingen, einen Trotzanfall zu umgehen.

  • Erwartungen klären
    Es kann helfen, Erwartungen im Vorhinein zu klären. Beim gemeinsamen Einkauf kann beispielsweise zu Hause abgemacht werden, was eingekauft wird, ob sich das Kind etwas aussuchen darf oder nicht. Ein anderes Beispiel wäre es im Voraus anzukündigen, wenn man den Spielplatz verlässt (z.B. „Du darfst jetzt noch fünf Mal rutschen und dann machen wir uns auf den Heimweg). Dadurch wird dem Kind die Chance gegeben, sich auf das was kommt einzustellen, anstatt es einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen.

  • Handlungsspielräume erweitern
    Wie anfangs erwähnt, stehen Trotzverhalten und Autonomiebestrebungen des Kindes in Zusammenhang. Häufig geraten Kinder in einen Trotzanfall, weil sie autonom sein möchten, dies aber nicht dürfen oder noch nicht können und in Wut und Frustration geraten. Kinder sollten in ihrer Selbständigkeit unterstützt werden. Selbst etwas tun und bewältigen können trägt zur Entwicklung des Selbstvertrauens bei. Aus diesen Gründen macht es Sinn, den kindlichen Handlungsspielraum zu erweitern. Ein Beispiel hierfür wäre dem Kind einen kleinen Krug aus Plastik anzubieten um sich selbständig Wasser in seinen Becher einschenken zu können. Dadurch vereinfacht und ermöglicht man dem Kind einerseits, etwas selbst zu tun, andererseits besteht keine Verletzungsgefahr. Im ungünstigsten Fall wird Wasser verschüttet, das wieder aufgewischt werden muss. Den Handlungsspielraum des Kindes zu erweitern, verlangt somit auch mehr elterliches Verständnis und Geduld.

  • Hilfreiche Gedanken
    Schließlich kann es auch immer wieder helfen, sich ins Gedächtnis zu rufen: Es gibt keine perfekten Kinder und auch keine perfekten Eltern. Empathie sowie Verständnis für die Lebensrealität des anderen und Humor helfen über Herausforderungen hinweg!

Als Basis für diesen Beitrag wurde folgende Literatur verwendet:

 

Heueck-Mauß, D. (2016). Das Trotzkopfalter: Der Ratgeber für Eltern von 2- bis 6-jährigen Kindern. Der richtige Umgang mit kindlichen Emotionen. Das Erziehungs-ABC mit Tipps und Strategien. Hannover: Humbolt.

 

Largo, R. (2016). Ich will! In R. Largo, Baby Jahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren (S. 104-107). München/Berlin: Piper.

 

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Das Video und der dazugehörige Artikel sind Teil einer Serie, die in Zusammenarbeit mit wohlfühl-pool.at entstanden ist. Mit freundlicher Unterstützung von des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, der Gesundheit Österreich GmbH sowie dem Fonds Gesundes Österreich.
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