Entwicklungsphasen
27. Okt. 2020
·
8 Minuten Lesezeit

Das dritte bis sechste Lebensjahr

Ein Beitrag von:
Elisa Stögmüller
Elisa Stögmüller
Artikelinfo:

Wie sich Kinder im 3.-6. Lebensjahr entwickeln. Ein Überblick über die sprachliche und motorische Entwicklung und die Bindungsentwicklung

Die Erkenntnis, eine eigenständige Person zu sein, welche sich bereits im 2. Lebensjahr zu entwickeln beginnt, führt weiter zur Erkenntnis, einen eigenen Willen zu haben. Diese Erkenntnis steht in Zusammenhang mit der Trotzphase des Kleinkindes. Ob diese Phase etwas früher oder später beginnt und wie ausgeprägt diese auftritt, ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Es ist jedoch ganz normal, dass ein Kind zu trotzen beginnt. Ja, es ist sogar gut! Bedenklich wäre es, wenn ein Kind keine Wutanfälle bekommt, weint, schreit und seinen Willen durchsetzen will. Die Trotzphase gehört zur ganz normalen Entwicklung eines Menschen. Bei einigen tritt sie ausgeprägter auf, bei andern weniger - das ist von Persönlichkeit und Temperament eines Kindes abhängig. Eltern stehen in dieser Phase vor der Herausforderung, Ihrem Kind einerseits Grenzen zu setzten und es vor Gefahren zu schützen, andererseits Freiräume zu gewähren, damit es sich in der Welt erproben kann. Möglicherweise erfahren Sie als Eltern diese Zeit als sehr anstrengend. Das Gute ist, Sie können sich sicher sein, dass diese Phase auch wieder vorbeigehen wird und entspanntere Zeiten kommen.

Die Sprachentwicklung vom 3. bis zum 6. Lebensjahr

Kinder machen in diesen Jahren Fortschritte in allen Bereichen der Sprache: in Semantik (inhaltliche Aussagen), Grammatik, Satzbau und Aussprache sowie im aktiven Wortschatz.

 

Der aktive Wortschatz des Kindes wächst in diesen Jahren auf einige 1000 Wörter und Tag für Tag kommen weiter Wörter dazu. Zudem lernt es wichtige Regeln der Grammatik und des Satzbaues kennen. Des Weiteren lernt es alle Vokale und die meisten Konsonanten auszusprechen. Circa 30 % der Fünfjährigen haben jedoch noch Probleme mit der passenden Aussprache der Konsonanten „r“ und „s“.

 

Über 50% der Kinder im Altern von 2,5 bis 4 Jahren stottern. Stottern gehört zur normalen Sprachentwicklung. Meistens dauert es nur wenige Wochen bis höchstens 6 Monate. Sollte Ihr Kind stottern, haben Sie Geduld mit ihm!

 

Mit 5 Jahren kann das Kind seine Muttersprache gut verstehen, in grammatikalisch korrekten Sätzen sprechen, im Alltag auf Fragen antworten, sich an Gesprächen beteiligen und Geschichten nachvollziehen. Seine Aussprache und seine inhaltlichen Aussagen sind gut verständlich.

 

Um die Sprachentwicklung Ihres Kindes zu unterstützen, sprechen Sie mit ihm. Außerdem sind Kinder in der Regel ohnehin sehr wissbegierig und neugierig. Gehen Sie auf die vielen Fragen Ihrer Kinder ein und nehmen Sie sich, wann immer es geht, Zeit, diese zu beantworten. Denn auch damit unterstützen Sie die Sprachentwicklung Ihres Kindes. Ebenso fördert das Vorlesen von Büchern, das Anhören von Geschichten, das Erzählen von Geschichten oder das gemeinsame Erfinden von Geschichten den Spracherwerb.

Die motorische Entwicklung vom 3. bis zum 6. Lebensjahr

Durch die Veränderungen des Körperbaues verändert sich der Schwerpunkt des kindlichen Körpers nach unten, womit ein verbessertes Gleichgewicht einhergeht. So können neue motorische Fähigkeiten, die die großen Muskeln des Körpers beanspruchen, geübt werden. Zudem können Kinder nun sicher stehen und laufen, womit Hände, Arme und Oberkörper frei sind. So können ganz neue Bewegungsmuster geübt werden, wie das Fangen und Werfen von Bällen oder das Schwingen auf horizontalen Ringen. Mit der Zeit werden Bewegungen des Unterkörpers und des Oberkörpers kombiniert. Kinder verfeinern ihre motorischen Kompetenzen, bauen diese weiter aus und können immer schwierigere Bewegungsabläufe bewältigen.

 

Mit 3 bis 4 Jahren können Kinder eine Treppe mit wechselnden Füßen nach oben und mit einem führenden Fuß nach unten gehen, mit biegsamen Oberkörper hüpfen und springen oder einen Ball fangen indem sie ihn gegen den Brustkorb klemmen. Mit 4 bis 5 Jahren gelingt es mit wechselndem Fuß eine Treppe hinunter zu gehen, auf einem Bein zu hüpfen und schnell zu laufen. Außerdem ist der Bewegungsablauf beim Laufen besser abgestimmt. Bälle werden mit verstärkter Drehung des Oberkörpers und Verlagerung des Gewichts auf die Füße geworfen. Das Fangen von Bällen klappt nun mit den Händen. Mit 5 bis 6 Jahren wird das Lauftempo weiter gesteigert und das Bewegungsmuster des Laufens verfeinert. Beispiele für weitere motorische Errungenschaften sind Seil springen, schwimmen, Eis laufen, Skateboarden oder Ski fahren.

 

Wie die Grobmotorik entwickelt sich auch die Feinmotorik stetig weiter. Durch die bessere Koordination von Augen und Händen sowie einer besseren Kontrolle von Hand und Fingern lernen Kinder mit Bauklötzen zu bauen, Puzzles zusammenzusetzen, schneiden, kleben und Perlen aufzufädeln. Die Fortschritte in der Entwicklung der Feinmotorik sind für Eltern besonders dadurch zu beobachten, dass Kinder immer mehr Pflegetätigkeiten selbst übernehmen können sowie an den vielen sich verändernden Zeichnungen, die Kinder anfertigen. Mit 3 bis 4 Jahren können Kinder große Knöpfe auf- und zumachen, ohne Hilfe essen, eine Schere benutzen, Linien und Kreise nachzeichnen und Kopffüßler (die ersten Zeichnungen eines Menschen) malen. Mit 4 bis 5 Jahren gelingt es eine Gabel zu nutzen, mit der Schere eine Linie nachzuschneiden sowie das Nachzeichnen von Dreiecken, Kreuzen und manchen Buchstaben. Mit 5 bis 6 Jahren können Kinder schließlich ein Messer benutzen um weiche Nahrung zu schneiden, sie können sich die Schuhe zubinden, Menschen zeichnen sowie Zahlen und einfache Wörter nachschreiben.

Die Bindungsentwicklung vom 3. bis zum 6. Lebensjahr

Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass Bindungsmuster, die sich bis zum 12. Lebensmonat etabliert haben, bis zum 6. Lebensjahr relativ stabil bestehen bleiben.

 

Es besteht weiterhin die Annahme, dass ein Bindungsmuster, dass sich bis zum Alter von 12 Monaten entwickelt hat, in der Regel lebenslang bestehen bleibt. Prägende Erlebnisse oder traumatische Erfahrungen im Verlauf des Lebens können vermutlich jedoch auch zu Modifikationen oder Veränderung führen.

 

Mit zunehmendem Alter verändert sich das Beziehungsverhalten des Kindes. Je älter das Kind wird, desto mehr richtet es für gewöhnlich sein Beziehungsinteresse Gleichaltrigen beziehungsweise der Außenwelt zu. Das erfordert elterliche Anpassung. Eine zunehmende Ablösung und Abgrenzung von den Eltern (Bezugspersonen) ist notwendig. Dies ist aber nicht als Abbruch der Beziehung zu verstehen. Die bisherigen Beziehungen sind im optimalen Fall eine sichere Basis, zu der das heranwachsende Kind immer wieder zurückkehren kann und wo es Schutz, Geborgenheit und Nähe findet.

Dieser Artikel wurde auf Basis der folgenden Literatur erstellt:

 

Berk, L. E. (2005). Entwicklungspsychologie. München: Perason Studium.

 

Brisch, K. H. (2019). Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Therapie. Stuttgart: Klett-Cotta.

 

Largo, R. H. (2016). Babyjahre. Entwicklung und Erziehung der ersten vier Jahre. München/Berlin: Piper.