Entwicklungsphasen
01. Okt. 2020
·
8 Minuten Lesezeit

Das zweite Lebensjahr

Ein Beitrag von:
Elisa Stögmüller
Elisa Stögmüller
Artikelinfo:

Wie sich Kinder im 2. Lebensjahr entwickeln. Ein Überblick über die sprachliche und motorische Entwicklung und die Bindungsentwicklung

Von der Geburt bis zum 2. Lebensjahr hat sich das Kind unzählige Fähigkeiten angeeignet. Sein Interesse ist nun zu einem sehr großen Teil auf die Umwelt gerichtet. Es ist jetzt auch in der Lage, mit der Umwelt in Kontakt zu treten und zu interagieren.

 

Eine wichtige Entwicklung im 2. Lebensjahr ist, dass sich das Kleinkind aus der symbiotischen Verbindung mit der Mutter zu lösen beginnt. Womit es zu erkennen beginnt, dass es eine eigene Person ist. Im Laufe der Zeit, erfährt es sich als eigenständige Person, mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Zielen.

Die Sprachentwicklung im 2. Lebensjahr

Kinder haben bis zum Ende des 1. Lebensjahres die Namen von vertrauten Personen und Gegenständen kennen gelernt. Nun lernt es die Bezeichnungen von räumlichen Beziehungen sowie Handlungen kennen. Im 2. Lebensjahr verwendet das Kind häufig einen Sprechjargon, der Rhythmus, Melodie und Tonfall der Umgangssprache imitiert. Dabei werden mehrere Lautfolgen aneinandergereiht, jedoch keine eigentlichen Wörter verwendet. Kinder ahmen, aber nicht nur die Sprache nach, sondern auch vieles andere, wie niesen, husten, schmatzen, Hundegebell oder das Brummen eines Fahrzeuges. Zu Beginn werden Tiere häufig mit den für sie charakteristischen Tierlauten bezeichnet. Dies liegt der Ausdrucksmöglichkeit des Kindes näher als der eigentliche Tiername. Die meisten Kinder sprechen ihre ersten Wörter zwischen 12 und 18 Monaten. Manche wenige Kinder sprechen bereits mit 10 Monaten ihr ersten Wort. Andere lassen sich wiederum bis zu ihrem 30. Lebensmonat Zeit. Sich mit den ersten Worten Zeit zu lassen ist vollkommen in Ordnung und kein Grund zur Sorge. Mädchen sind im gleichen Alter häufig weiter in ihrer Sprachentwicklung fortgeschritten als Jungen.

 

Mit 18 bis 24 Monaten tritt häufig der Wortsatzspurt ein, der Wortschatz eines Kindes vermehrt sich dann plötzlich sehr rasch und es treten Zweiwort-Sätze auf. Bei vielen Kindern entwickelt sich die Sprache nicht gleichmäßig, sondern sprunghaft. Teilweise ist das Kind so damit beschäftigt, seine motorischen Fähigkeiten auszuprobieren, dass der Wortschatz für einige Wochen unverändert bleibt. Zudem beginnen Kleinkinder zwischen 18 und 36 Monaten ihren Vornamen zu benutzen.

 

Kleinkinder machen noch oft Fehler der Übergeneralisierung und Überspezifizierung. Übergeneralisierung bedeutet, dass sie beispielsweise das Wort Kuh für alle großen Tiere verwenden. Überspezifizierung meint das Gegenteil, nämlich das Kinder beispielsweise das Wort Auto nur für das Auto der Familie verwenden, alle anderen Fahrzeug aber als Brummbrumm.

 

Eltern können Ihr Kind in deren Sprachentwicklung unterstützen, indem sie viel mit ihm sprechen und es in Unterhaltungen einbinden. Dabei sollten Erwachsene die Sprechweise nicht an die Sprechweise des Kindes, sondern an das Sprachverständnis des Kindes anpassen. Eine weitere Möglichkeit, das Kind in seinem Spracherwerb zu fördern, ist es, gemeinsam mit seinem Kind ein Buch anzusehen oder ihm vorzulesen.

 

Eine wichtige Entwicklung im 2. Lebensjahr ist, dass sich das Kleinkind aus der symbiotischen Verbindung mit der Mutter zu lösen beginnt. Womit es zu erkennen beginnt, dass es eine eigene Person ist. Im Laufe der Zeit, erfährt es sich als eigenständige Person, mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Zielen.

Die motorische Entwicklung im 2. Lebensjahr

Kinder im 2. Lebensjahr bewegen sich auf verschiedenste Weise fort. Eine einheitliche Abfolge der motorischen Entwicklungsstadien, die alle Kinder durchmachen, gibt es nicht. Auch hier gilt, dass es von Kind zu Kind unterschiedlich ist, welche Entwicklungsschritte in welchem Alter gemacht werden. Die meisten Kinder machen die ersten Schritte mit 12 bis 14 Monaten. Einige stehen schon früher, andere wiederum erst mit 18 bis 20 Monaten.

 

Kleinkindern gelingt es nun aufzustehen, wodurch sie Arme und Hände zum Hantieren und Greifen frei haben. Das Aufrichten und Laufen kann das Kind so beschäftigen, dass es in anderen Entwicklungsbereichen, vor allem in der Sprachentwicklung, für einige Wochen kaum Fortschritte macht. Im 2. Lebensjahr erwerben Kleinkinder viele unterschiedliche motorische Fähigkeiten, zum Beispiel kritzeln sie viel mit Stiften (ca. 10.-21. Lebensmonat), sie können Treppen ohne Hilfe erklimmen (ca. 12.-23. Lebensmonat), sie können auf einer Stelle hüpfen (ca. 17.-23. Lebensmonat) oder auf Zehenspitzen laufen (ca. 16.-30. Lebensmonat).

Die Bindungsentwicklung im 2. Lebensjahr

Im 2. Lebensjahr ist in der Regel die Bindung zu zumindest einer Bezugsperson vorhanden und eindeutig ersichtlich. Das Kleinkind zeigt Trennungsangst und fühlt sich unwohl, wenn die Bezugsperson, zu der die Bindung besteht, nicht anwesend ist. Gleichzeitig tritt aber auch das Neugierde- und Explorationsverhalten, das bereits Ende des 1. Lebensjahren begonnen hat, immer stärker in den Vordergrund. Das Kleinkind ist von seiner Umwelt fasziniert und will erfahren, wie sie funktioniert und was sie zu bieten hat. Damit sich das Kleinkind seiner Umwelt widmen und sie neugierig erkunden kann sind die Eltern beziehungsweise die Bezugsperson sehr wichtig. Nur, wenn sich das Kleinkind sicher sein kann, dass es jederzeit bei seiner Bezugsperson Schutz suchen kann, traut es sich, die Umwelt zu explorieren. Kinder nutzen ihre Bezugspersonen als sichere Basis. Das Nähe suchen bei den Eltern und das Explorieren der Umwelt stehen dabei in einem ständigen Wechselspiel. Es ist wichtig, dem Kind genügend Freiraum, aber auch Schutz und Nähe zu bieten. Kleinkinder brauchen die Erlaubnis der Eltern, in die Welt hinausgehen und neugierig sein zu können. Genauso brauchen sie es aber auch, zu jeder Zeit und bedingungslos liebevoll von den Eltern angenommen und beschützt zu werden.

 

Häufig besteht die Frage, wann ein Kind außerhalb der Familie betreut werden kann oder sollte. Aus bindungstheoretischer Sicht sollten Kinder die Möglichkeit haben im ersten Lebensjahr eine sichere Bindung zu einer primären Bezugsperson zu entwickeln. Längere Trennungen oder außerfamiliäre Betreuung sollten erst dann stattfinden, wenn das Kind Ende des 1. Lebensjahres bis Anfang des 2. Lebensjahres eine emotional stabile, sichere Bindung zur primären Bindungsperson etabliert hat. Zu diesem Zeitpunkt hat das Kleinkind auch eine stabile Objekt- und Selbstrepräsentanz entwickelt. Das heißt, es besteht ein inneres Bild der Bindungsperson, das es abrufen kann, wenn eine Trennung von der primären Bezugsperson notwendig ist.

Dieser Artikel wurde auf Basis der folgenden Literatur erstellt:

 

Berk, L. E. (2005). Entwicklungspsychologie. München: Perason Studium.

 

Brisch, K. H. (2019). Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Therapie. Stuttgart: Klett-Cotta.

 

Largo, R. H. (2016). Babyjahre. Entwicklung und Erziehung der ersten vier Jahre. München/Berlin: Piper.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Krisen

Wenn sich Eltern trennen... mit Kleinkindern

Eine Trennung ist für Kinder immer belastend und schmerzhaft. Auch für Kleinkinder und Babys. Jedes Paar und jedes Kind erlebt die Trennung anders, doch es gibt alterstypische Reaktionen. Wie gut es einem kleinen Kind gelingt, die neue Familiensituation anzunehmen, hängt davon ab, wieviel Verständnis, Aufmerksamkeit und Unterstützung es bekommt. Was Sie beachten können, um die Situation für Ihr Kleinkind oder Baby zu erleichtern. 

Alltag

Durchhalten im 3. Lockdown

Wir befinden uns seit 26. Dezember im dritten österreichweiten Lockdown. Wir kennen uns nun schon besser mit den Bedingungen und Maßnahmen aus, die Corona erfordert, was ein bisschen den Schrecken an der Sache nimmt. Trotzdem fühlen sich viele extrem erschöpft und ausgelaugt. Was kann man tun, um durchzuhalten?

Krisen

Wie überstehe ich die Quarantäne?

Könnten meine Erkältungssymptome Corona sein? Nur ein Test bringt Klarheit. Aber was, wenn es plötzlich heißt: Corona-positiv! Auch wenn die Krankheit glücklicherweise bei jüngeren Menschen oft mild verläuft, gilt: Quarantäne. Quarantäne kann auch die Zeit betreffen, in der man als Verdachtsfall auf Testung und Ergebnis wartet.

Alltag

Wie Sie Ihr Zuhause kindersicher gestalten

Die geltenden Maßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung von Covid-19 machen es notwendig: Wir alle halten uns derzeit vermehrt zu Hause auf. „Die Welt mit anderen Augen sehen“ hilft, Gefahren zu erkennen und Ihren Haushalt kindersicher zu gestalten.

Alltag

Struktur im Lockdown-Alltag – mit einem Wochenplan

Schule, Kinder und Arbeit zu Hause – wie sollen Sie das alles schaffen? Das Festlegen einer Wochenstruktur kann helfen, die Tage besser zu nützen!

Krisen

Trennung – wie sage ich es meinem Kind?

Viele Eltern zögern, ihrem Kind von ihrer Trennung zu erzählen. Sie wollen ihm nicht wehtun. Doch egal wie alt ein Kind ist, sobald die Entscheidung für die Trennung gefallen ist, muss auch das Kind wissen, was ihm bevorsteht

Hilfsangebote ABC

5 Fragen an... Caritas Wien Familienzentren

Die Familienzentren der Caritas bieten Beratung für Erwachsene sowie Psychotherapie für Kinder und Jugendliche an. Das Angebot ist kostenlos und richtet sich an armutsbetroffene Familien.

Entwicklungsphasen

Das dritte bis sechste Lebensjahr

Wie sich Kinder im 3.-6. Lebensjahr entwickeln. Ein Überblick über die sprachliche und motorische Entwicklung und die Bindungsentwicklung

Kindergarten & Schule

Angst vor der Schule

Lernen sollte Spaß machen und die Schule ein spannender Ort sein, wo Kinder gerne sind. Doch was, wenn das Gegenteil der Fall ist? Was Eltern tun können, wenn ihr Kind (plötzlich) die Schule nicht mehr mag?

Kindergarten & Schule

Hausübung ohne Stress und Ärger

Hausübungen sind oft eine Herausforderung für Kinder und Eltern. Vom Gespräch mit der Lehrkraft über die passende Unterstützung des Kindes: Wir haben Tipps, was Eltern tun können, um die Situation zu verbessern.

Kindergarten & Schule

Gefahr durch Fremde am Schulweg

Immer wieder werden Kinder von Fremden vor der Schule oder am Weg in die Schule angesprochen. Der Alptraum für jeden Elternteil. Es ist wichtig und sinnvoll, dass Kinder ihren Schulweg alleine bewältigen, doch wie kann man den Nachwuchs vor diesen Gefahrensituationen schützen?

Sexualität

Liebe ist bunt

Was, wenn das eigene Kind homosexuell ist? Die sexuelle Orientierung lässt sich nicht beeinflussen, sehr wohl aber, ob sich ein Kind so akzeptieren kann, wie es ist! Wie können wir darüber sprechen?

Beziehungen

Wenn das eigene Kind andere mobbt

Was kann man tun, wenn der eigene Nachwuchs andere Kinder hänselt? Wir geben einige Tipps, wie Sie sich der Situation annehmen können.

Entwicklungsphasen

Das erste Lebensjahr

Wie sich Kinder im 1. Lebensjahr entwickeln. Ein Überblick über die sprachliche und motorische Entwicklung und die Bindungsentwicklung

Entwicklungsphasen

Die Trotzphase und wie Sie gut damit umgehen

Im 2. Lebensjahr werden Kinder zunehmend selbständiger, sie streben nach Autonomie. Die Trotzphase fordert Eltern heraus und sind doch Teil der normalen Entwicklung.

Hilfsangebote ABC

5 Fragen an... Big Brothers, Big Sisters

Big Brothers Big Sisters bietet mit dem Family Mentoring Programm (FAME) eine kostenlose Unterstützung für Familien mit Kindern zwischen 3 und 6 Jahren, die sich in herausfordernden Lebenssituationen befinden. 

Beziehungen

Mein Kind und seine Privatsphäre

Für Eltern ist es eine Herausforderung, ihr Kind zu beschützen und gleichzeitig das Recht auf Privatsphäre zu achten. Wie kann die Balance zwischen Vertrauen und Kontrolle gelingen?

Entwicklungsphasen

Die kindliche Entwicklung in den ersten Lebensjahren

Wenn man die menschliche Entwicklung vom Säuglingsalter bis in die frühe Kindheit betrachtet, lassen sich bestimmte Entwicklungsphasen und Schritte erkennen. Häufig ist es so, dass Kinder im gleichen Alter eine ähnliche Entwicklung haben. Die ideale Entwicklung gibt es nicht, sondern viel eher unterschiedliche Entwicklungswege – wovon keiner besser oder schlechter als der andere ist.

Entwicklungsphasen

Was tun, wenn mein Kind nicht durchschläft?

Das Schlafverhalten von ihrem Baby oder Kleinkind beschäftigt viele Eltern. Wissen über die Schlafentwicklung kann helfen, besser mit der Situation umzugehen. Und praktische Tipps für den Familienalltag unterstützen, damit es mit dem Durchschlafen bald klappt.

Medien

Mediensucht bei Kinder und Jugendlichen

Digitale Medien wie Handy, Computer, Konsole, Tablet und Fernseher dürfen ein Teil der Freizeitbeschäftigung sein. Da spricht nichts dagegen. Problematisch wird es immer dann, wenn sie zur alleinigen Gestaltung der Freizeit werden.