Ukraine-Krieg
15. Juni 2022
·
6 Minuten Lesezeit

Helfen als Unterkunftgeber*in für geflüchtete Familien

Geschrieben von:
Ines Campuzano
Ines Campuzano
Artikelinfo:

Der folgende Artikel soll Unterkunftgeber*innen in ihrem Vorhaben unterstützen und Fragen, die in der Vorbereitung auf und innerhalb des Zusammenlebens auftreten können, aufgreifen.

Der Krieg in der Ukraine macht viele betroffen. Immer mehr Menschen sind auf der Flucht. Viele Menschen wollen helfen und eine wichtige Möglichkeit der Unterstützung ist, geflüchtete Familien aufzunehmen und ihnen eine Unterkunft zu geben. Diese Aufgabe kann zugleich durchaus herausfordernd sein. Es können Situationen entstehen, die Fragen aufwerfen oder Verunsicherung auslösen, wenn man das eigene Zuhause plötzlich mit anderen teilt.

 

Die Rat auf Draht Elternseite bietet online psychologische Beratung für Eltern und Bezugspersonen bei Herausforderungen, die sich im Zusammenleben mit Kindern und Jugendlichen ergeben. Das Projekt Seite an Seite für die Ukraine ist ein zusätzliches Unterstützungs-Angebot der Rat auf Draht Elternseite für Unterkunftgeber*innen als Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen.

 

Wir möchten in diesem Artikel auf einige wichtige Fragen eingehen. 

vor
der 

aufnahme

was kommt auf mich zu?

Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht. Denn: Die Situation jedes Geflüchteten ist individuell unterschiedlich. Aber eines haben alle Menschen, die aus der Ukraine im Rahmen der Flucht nach Österreich kommen, gemeinsam: Sie haben einen Verlust erlebt. Verlust einer Heimat, von Familie oder Freunden, Besitz etc. Das bedeutet immer einen Trauerprozess, der von den Betroffenen durchlebt werden muss. Es können unterschiedliche Gefühle wie Wut, Trauer und Resignation durchlebt werden. Diese Gefühle dürfen sein und Platz bekommen.

Öffnen Sie als Gastgeber*in den Raum dafür, indem Sie Gelegenheiten bieten, das Erlebte zu bearbeiten. Beispielsweise könnten Sie anbieten, die Kinder zum Spielplatz zu bringen, um den Bezugspersonen zu ermöglichen, unterschiedlichen Gefühlen Ausdruck zu geben oder auch den Raum für Gefühlsausbrüche zu haben.

 

Auch bei Kindern ist es sehr wichtig, viele unterschiedliche und auch verwirrende Reaktionen und Gefühle zuzulassen. Beispielsweise kann es sein, dass ein Kind sehr angespannt ist oder einen Wutausbruch hat und sich im nächsten Moment mit Spielen ablenkt. Das ist normal und gesund. 

Kinder spüren sehr gut, was sie brauchen. Seien Sie empfänglich dafür!

Wie kann ich mich vorbereiten?

Sie können Besorgungen machen und Ihre Unterkunft vorbereiten. Setzen Sie sich allerdings nicht unter Druck, alle Bedürfnisse vorherzusehen. Das geht nicht!  Möglicherweise brauchen und wollen Ihre Gäste etwas ganz Anderes. Nehmen Sie es nicht als Beleidigung, wenn das, was Sie anbieten, nicht angenommen wird oder gar angenommen werden kann. Was Ihre Gäste wirklich brauchen, erfahren Sie, wenn diese eingetroffen sind. Wundern Sie sich nicht, oft kommt es auf die kleinen Dinge im Leben an. Beispielsweise können Sie an alles gedacht haben – Bettwäsche, Kleidung, Hygieneartikel - aber Ihre Gäste wünschen sich eine Tasche, mit der Sie in der Stadt unterwegs sein können, eine Marmelade, die Sie normalerweise nicht kaufen oder eine andere Art von Seife, als Sie es gewohnt sind. Signalisieren Sie Offenheit. Wenn es für Sie passt, bieten Sie an, darauf angesprochen zu werden, was möglicherweise noch benötigt werden könnte. Scheuen Sie sich auch nicht davor, bei unterschiedlichen Einrichtungen Fragen zu stellen!

das
gemeinsame

leben

Wie kann ich Überforderung vermeiden?

Um Überforderung zu vermeiden, ist es wichtig, dass Sie als Gastgeber*in nicht aus den Augen verlieren, Ihr eigenes Leben weiterzuleben und gewohnten Aktivitäten nachzugehen, wie z.B. am Samstagabend wie gewohnt Brettspiele zu spielen oder auch den Geburtstag ihres Kindes zu feiern. Auch Ihre Gäste brauchen Ablenkung und Normalität, die Sie ihnen zugestehen sollten. Es ist heilend, sich für die kleinen und schönen Dinge des Lebens Zeit zu nehmen. Freude und Spaß sind keineswegs respektlos und dürfen sein! Wenn Sie selbst auf Ihre Grenzen achten, kann das auch eine Vorbildfunktion haben und es anderen in ihrem Umfeld ermöglichen, dasselbe zu tun. Investieren Sie auch Zeit in eigene Selbstfürsorge.

Kann ich mit den Betroffenen über Krieg und Flucht sprechen?

Eine Frage, die immer wieder auftaucht, ist, ob man als Unterkunftgeber*in mit den Geflüchteten über Krieg- und Fluchterlebnisse sprechen darf oder etwa soll. Hilfreich für die Betroffenen ist, Gesprächsbereitschaft zu signalisieren, z.B. indem Sie sagen, dass Sie bei Bedarf gern Gesprächspartner*in sind.

 

Achten Sie dabei auf das Gegenüber, aber genauso auch auf Ihre eigenen Grenzen. Sie dürfen Fragen stellen, wie zum Beispiel, dass Sie merken, dass Ihr Gast traurig scheint oder angespannt ist oder, ob die Person über das sprechen möchte, was Sie beschäftigt. Horchen Sie dabei auf Ihr Gefühl und reagieren Sie auf Ihre*n Gesprächspartner*in. Ein Gespräch kann im richtigen Rahmen und bei Vertrauen Entlastung schenken.

Wie kann ich die Kindeseltern gut unterstützen, ohne mich aufzudrängen?

Wichtig ist es, kulturelle Unterschiede wahrzunehmen und zu akzeptieren. Natürlich gibt es aber auch klare Grenzen! Wenn es z.B. zu Gewalt kommt, ist es wichtig, das Kind zu schützen, sich klar dagegen auszusprechen und gemeinsam gewaltfreie Lösungen zu finden. Es kann jedoch auch vorkommen, dass Sie in Situationen kommen, die Sie mit einem Kind anders handhaben würden. Akzeptanz ist vor allem hier sehr wichtig, weil Sie beim Einmischen die Eltern schnell in ein Gefühl der Ohnmacht bringen könnten. Gerade geflüchtete Eltern sind oft in Situationen gekommen, auf die sie keinen Einfluss hatten oder die nicht von Ihnen gewollt wurden. Gestehen Sie Ihren Gästen zu, auf Ihre eigene Art und Weise Schwierigkeiten zu lösen. Wenn Sie um Unterstützung gebeten werden, können Sie diese natürlich anbieten. Sie können auch vorwurfsfrei nachfragen, wenn Sie eine Frage haben. Sie müssen aber nicht alles verstehen!

Wohin kann ich mich wenden, wenn ich nicht mehr weiter weiß?

Eine wichtige Botschaft, die wir generell vermitteln wollen, ist, dass man nicht alles alleine schaffen muss: Man darf sich auch Unterstützung holen. 

online-videoberatung

Unterkunftgeber*innen von geflüchteten Familien aus der Ukraine haben mit der Elternseite.at nun eine Erstanlaufstelle, an die sie sich bei Fragen wenden können. Das Psycholog*innen-Team hilft gern weiter und kann, wenn nötig, auch an passende Stellen weitervermitteln.

 

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