Krisen
29. Aug. 2022
·
7 Minuten Lesezeit

Angststörungen – wenn Angst zur Krankheit wird

Geschrieben von:
Silvie Haring
Silvie Haring
Artikelinfo:

Die Grenzen zwischen normaler Ängstlichkeit und der Diagnose Angststörung sind fließend und oft schwer zu greifen. Was sind mögliche Hinweise auf eine Angststörung und wann sollten Sie als Eltern Unterstützung suchen?

Angst ist ein normales menschliches Gefühl, das zum Leben dazu gehört genauso wie Freude oder Trauer. Die Angst schützt uns, wenn Gefahr besteht. Durch sie vermeiden wir bedrohliche Situationen. Es ist z. B. sehr gesund, sich vor einem Löwen in freier Wildbahn zu fürchten. Sie ermöglicht uns, in Gefahrensituationen schnell zu handeln (z. B. vor dem Löwen zu flüchten). 


Angst löst im Köper viele Reaktionen aus und wirkt sich auf das Denken und das Handeln aus. Wenn man Angst empfindet, kommt es z. B. zu körperlichen Symptomen wie Schwitzen, Herzrasen oder Zittern. Die Gedanken sind dabei sehr auf die mögliche Gefahr bzw. auf die Befürchtungen gerichtet

Was ist der Unterschied zwischen Angst und angststörung?

Wann wird die Angst zu einer Krankheit? Die Grenzen zwischen normaler Ängstlichkeit und einer Angststörung sind fließend und für Eltern und Bezugspersonen daher oft schwer zu greifen. Zudem gibt es in allen kindlichen Entwicklungsphasen Ängste, die für dieses Alter als normal gelten und sich in der Regel von selbst legen. Beispiele für diese Ängste sind die Angst vor Fremden im Babyalter oder die Angst vor der Dunkelheit im Kindergartenalter.


Hier ein paar Hinweise darauf, dass Ihr Kind an einer Angststörung leiden könnte:  

  • Ihr Kind zeigt Ängste, die nicht zu seinem Alter passen. Das kann zum Beispiel sein, wenn ein Schulkind starke Trennungsangst zeigt. Es dabei kaum von der Seite der Mutter weichen will und Trennungen wie den Schulbesuch oder das Treffen mit Freund*innen vermeiden will aus Angst der Mutter, stoßt etwas zu. Für die starke Angst gibt es aber keinen erklärbaren Grund.
  • Ihr Kind berichtet häufig von Ängsten und Sorgen oder zeigt in seinem Verhalten, dass es Angst hat (z.B. durch Zittern, Unruhe, Nähe suchen, viel Rückversicherung brauchen). Die starken Ängste passen nicht zu den erlebten Situationen
  • Auch wenn Ihnen als Eltern auffällt, dass Ihr Kind häufig unter starken körperlichen Beschwerden wie Übelkeit, Bauchschmerzen, Schwitzen, Herzklopfen oder Schlafproblemen leidet.
  • Ihr Kind kann z.B. an Aktivitäten nicht mehr oder nur unter großer Angst teilnehmen, die für seine Entwicklung wichtig sind, wie dem Schulbesuch oder dem Treffen mit Freund*innen.

Ein Hinweis auf eine Angstörung liegt insbesondere vor, wenn die genannten Probleme über mehrere Wochen hinweg anhalten.

Im Allgemeinen kann man sagen, immer dann, wenn die Ängste Ihres Kindes den Alltag stark beeinträchtigen, zu Problemen in der Familie, im Kindergarten, in der Schule oder in der Freizeit führen, sollten Sie auf jeden Fall Hilfe holen!

welche formen von angststörungen gibt es?

Angststörungen können sehr unterschiedlich aussehen. Hier einige typische Angststörungen, die bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten sind:

Trennungsangst

Eine gewisse Trennungsangst ist bei sehr kleinen Kindern normal und legt sich meist von selbst. Manchmal tritt Trennungsangst über die frühe Kindheit hinaus auf und erschwert den Schulbesuch oder den Kindergartenbesuch. Es ist dann nicht etwas in der Schule oder dem Kindergarten, was dem Kind Angst macht, sondern es geht dabei um die Trennung von Bezugspersonen. Hier wird meist befürchtet, dass ihnen etwas zustoßen kann. Auch wenn man den Kindern erklärt, dass ihre Befürchtungen sehr unwahrscheinlich sind, legt sich die Angst nicht. Die Angst ist begleitet von körperlichen Beschwerden wie Kopfweh oder Bauchweh.

Phobien

Hier bezieht sich die Angst auf bestimmte Objekte oder Situationen, von denen eigentlich keine Gefahr ausgeht z.B.  die Angst vor Spinnen, vor Prüfungen, vor Spritzen oder vor dem Lift fahren. Wenn die Betroffenen in Kontakt mit den Objekten kommen (z.B. eine Spinne sehen), erleiden sie eine starke Angstattacke.

Soziale Angst 

Bei sozialen Ängsten (soziale Phobien) haben die Betroffenen Angst, von anderen Menschen abgelehnt zu werden oder sich vor ihnen zu blamieren. Alle von uns haben diese Angst schon einmal verspürt. Bei der Sozialphobie ist die Angst aber in sämtlichen Situationen da und die Betroffenen spüren auch viele körperliche Symptome, z.B. Schwitzen, Zittern. Die Situationen, die Angst auslösen (wie Referate vor der Schulklasse, Partys oder Essen in der Öffentlichkeit) werden vermieden oder nur mit großer Angst ertragen.

Generalisierte Angst

Sehr viele Dinge werden als übermäßig gefährlich oder beängstigend von den Betroffenen erlebt. Oft reiht sich über Stunden eine Sorge an die andere. Durch diese ständige Anspannung können die Kinder unruhig und reizbar sein. Die Betroffenen zeigen häufig körperliche Beschwerden wie Verspannungen, Kopfschmerzen.

Panikstörung

Bei einer Panikstörung hat man Angstattacken, die plötzlich auftreten und meist einige Minuten anhalten (manchmal auch länger). Die Betroffenen spüren starke körperliche Beschwerden wie Herzrasen, Schwitzen, Zittern. Durch Symptome wie Herzrasen kann die Befürchtung aufkommen, einen Herzinfarkt zu haben bzw. zu sterben. Aber auch die Angst, verrückt zu werden, besteht öfters. Die Angst tritt nicht nur in bestimmten Situationen auf, weswegen oft eine Angst vor der Angst entsteht. Den Situationen, die Angst ausgelöst haben, wird aus dem Weg gegangen.

Ein Mädchen klammert sich ängstlich an die Hand eines Erwachsenen

Wie kann man helfen?

Wenn Kinder und Jugendliche unter Ängsten leiden, fragen sich die Eltern oft, was nun hilfreich sein kann. Hier ein paar Anhaltspunkte für den Alltag und das weitere Vorgehen:  

  • Was Kinder bzw. Jugendliche sich wünschen ist, dass man sie ernst nimmt, auch wenn die Gefühle Ihres Kindes für Sie vielleicht nicht nachvollziehbar sind. Zudem brauchen sie Bezugspersonen, die geduldig auf sie eingehen und keinen Druck ausüben. 
  • Gerade, wenn es Probleme gibt, wünschen sich Kinder, dass man ihnen mit Zuversicht begegnet und vermittelt, dass man die Situation in den Griff bekommen kann.
  • Suchen Sie in einem ruhigen Moment das Gespräch, besprechen Sie, dass Angst grundsätzlich etwas Normales ist. Beschreiben Sie, was Ihnen aufgefallen ist, und in Ihnen den Eindruck erweckt, dass die vorhandenen Ängste in Art und Ausmaß den Alltag überschatten. Motivieren Sie es, professionelle Unterstützung bei Psycholog*innen oder Psychotherapeut*innen zu suchen. Wenn Ihr Kind nicht sprechen möchte, zwingen Sie es nicht dazu. Kommen Sie zu einem späteren Zeitpunkt darauf zurück. 

Das Bewältigen von Problemen braucht Zeit. Daher ist es wichtig, sehr viel Geduld mit Ihrem Kind zu haben.

  • Informieren Sie sich entweder gemeinsam über die Krankheit oder geben Sie Ihrem Kind Hinweise, wo es gesicherte Informationen bekommen kann. Das Wissen über die Krankheit hilft, die Situation nicht ungewollt zu verschlimmern.  
  • Besprechen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, welche Entspannungsmöglichkeiten im Alltag hilfreich sein können, denn Angst führt zu Verspannung und Verkrampfung. Die regelmäßige Anwendung von Entspannungsübungen kann beitragen, den allgemeinen Grad an Stress und Anspannung zu reduzieren. Hierbei kommen eine Reihe von Dingen in Frage wie Atemübungen, Progressive Muskelentspannung oder Yoga.  
  • Ermuntern Sie, sich den Ängsten zu stellen. Viele denken, dass das Vermeiden der Situationen, die Angst machen, die Lage entschärft. Das hilft vielleicht, wenn die Angst ein Thema betrifft, dass den Alltag wenig beeinflusst (z.B. wenn man Angst vor Skorpionen hat). Das Vermeiden von Situationen, die einem Angst machen, lässt die Angst aber nur größer werden. 

    Motivieren Sie Ihr Kind, sich dem Problem schrittweise zu nähern. Achten Sie auf schaffbare Hürden, um Misserfolge zu vermeiden und Ängste so ungewollt zu verstärken. Hierbei ist auch die Absprache mit eventuell an der Behandlung des Kindes beteiligten Personen sinnvoll.
  • Achten Sie auch auf sich: Auch für die restlichen Familienglieder können die bestehenden Probleme eine große Herausforderung darstellen. Hier kann es hilfreich sein, wenn auch Sie Unterstützung haben, um ihren Gefühlen Raum zu geben und Sie die Situation nicht ungewollt verstärken (z.B. Infomaterialien, Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen). 

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